Berufsverband Information Bibliothek e.V.


Nach Rostock, der Ressourcen wegen

5. BIB-Sommerkurs "Online-Ressourcen in Bibliotheken" in Rostock vom 27.8.2001 bis zum 31.8.2001 war ein voller Erfolg.

Für eine umfassende Fortbildung zu Online-Ressourcen in Bibliotheken an die Ostsee zu fahren, das lockt. Die Hinfahrt, über alte Transitautobahnen polternd, dabei beharrlich begleitet von einem arg ramponierten BMW, dessen Heckscheibe in altdeutschen Lettern "HRO Terror Group" brüllt, lässt einen auch an weniger attraktive Seiten von und Zeiten in Rostock denken. (Und mit der frischen Erfahrung des 11.9.2001 wird es dem Autor in der Erinnerung noch mulmiger.) Solche Gedanken verfliegen angesichts der von Frau Ebeling und Frau Lietz liebevoll vorbereiteten Begrüßung im herrschaftlichen Konzilzimmer der Universität Rostock. Jahrhunderte in Öl blicken herab auf 22 gespannte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die von Wien bis Flensburg herbeigereist sind. Allenthalben die Erwartung, im riesigen Dschungel der elektronischen Ressourcen auf den neuesten Stand gebracht zu werden, die Pfade kennenzulernen, auf denen sich wertvolle Informationen aufspüren lassen.

Nachdem auch Frau Stubert (Sächsisches Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen, Dresden) für den BIB die Teilnehmenden am Sommerkurs begrüßt hat, werden Universitätsbibliothek und Stadtbibliothek erkundet. In den Sondersammlungen der UB wird u.a. das drittgrößte Buch der Welt präsentiert. Der Leiter der Stadtbibliothek, Herr Heckmann, bereitet dem staunenden Publikum einen lehrreichen Ausflug in die ÖB-Welt. Heckmann sprüht vor Ideen, wie sich - notgedrungen - aus diversen Gebühren ein Buchetat stricken lässt. Wenn Sie sich schon einmal gewundert haben, warum manche Benutzerausweise aus Papier sind: diese werden gerne mitgewaschen. Und Ersatz kostet dann 10 DM.

Das gemeinsame Abendessen in einem schwedischen Restaurant liefert eindrucksvolle Beweise, dass Elche zähe Tiere sind. Der guten Stimmung tut dies keinen Abbruch. (Vor allem, wenn man sich für Fisch entschieden hatte.) Schließlich bemüht sich auch das Wetter in der wunderschönen Innenstadt von Rostock, den Gästen möglichst viel zu bieten, Hitze, Gewitter, Dauerregen und strahlende Sonne binnen 24 Stunden halten den Kreislauf in Schwung.

Dienstagmorgen, ran an den Speck. Im PC-Pool hat jeder seinen eigenen Rechner, die Internetzugänge funktionieren und um den Service noch zu toppen, bekommt jede(r) einen Gast-Mail-Account und kann so Kontakt mit der Heimatbibliothek halten. Frau Effelsberg (Die Deutsche Bibliothek, Frankfurt am Main) präsentiert als Einstieg in die Sacharbeit das umfangreiche Angebot der DDB, wovon einige Teile aber nur intern zugänglich sind. Frisch von der Quelle der EZB erläutert Frau Freitag (Universitätsbibliothek, Regensburg) anschließend umfassend den Umgang mit elektronischen Zeitschriften und die Katalogisierung von e-Zeitschriften mit Praxisbeispielen. Die UB Regensburg hält zur Zeit etwa 2.800 elektronische Zeitschriften, von denen rund 70 % über Konsortien bezogen werden. Bestens ergänzt werden diese Themen durch einen Vortrag von Frau Beger (Zentral- und Landesbibliothek, Berlin), der lebendig die möglichen Fallstricke bei Fragen der Lizenzierung von e-Zeitschriften aufdeckt und für die rechtlichen Aspekte der Bibliotheksarbeit sensibilisiert. Alles, was Bibliotheken im Internet ohne Passwortschutz anbieten, ist als öffentlich anzusehen; hier müssen die betreffenden Nutzungsrechte vorhanden sein. Das Arbeitspensum aber ist erst vollständig, nachdem Frau Schobert (Universitätsbibliothek, Potsdam) alle Aspekte von Online-Dissertationen beleuchtet hat. Elektronische Dissertationen sind für die UB´s nach wie vor ein Erprobungsfeld für Probleme des elektronischen Publizierens.

Wer hart arbeitet, soll auch hart feiern und so starten die Teilnehmer am Abend zu einer Hafenrundfahrt. Die Wetterverhältnisse im Hafen werden als heftiger Wind angesehen. Ein gründlicher Irrtum. Nach einem launigen Schwanken auf der Warnow ist klar: vor Warnemünde herrscht Sturm. Landratten wird schmerzhaft bewusst, warum diese Wellen "Brecher" heißen. "Jou, war heftich", meint der Kapitän. Norddeutsches Understatement.

In Warnemünde glücklich an Land, reichen die vorzüglichen Gastgeberinnen auf dem Weg zur Spitze der Mole drei Überraschungen, alle aus Rotwein bestehend. Sturmumtost wagen sich nur Liebende und Abenteurer bis ganz nach vorn ans Meer. Und Bibliothekarinnen.

Auf der Rückfahrt nach Rostock, diesmal sicher in der S-Bahn, wird Seemannsgarn aus längst vergangener Zeit gesponnen, schaurige Geschichten von "Köpfen und Schnibbeln" hallen ahnungslosen Normalbürgern entgegen. "Ich sach di ma wat: bei uns wurde achtfach geköpft." Gleich dazu noch der neue "Warnemünde-Drink" komponiert: Pappbecher, Sand, Mineralwasser. Große Heiterkeit und keine Macht den Drogen.

Mittwoch ist Exkursionstag und damit die seltene Gelegenheit, eine Landtagsbibliothek von innen zu erleben. Am Morgen ruft jedoch noch die Besichtigung des modernsten Schiffssimulators Deutschlands in Warnemünde. Die 360-Grad-Simulation einer Anfahrt auf Warnemünde bei Windstärke 6 kann nach dem letzten Abend niemand mehr schocken. Weiter nach Schwerin. Frau Haak (Referatsleiterin der Parlamentsbibliothek des Landtags Mecklenburg-Vorpommern) betreibt mit insgesamt acht Kolleginnen die gesamte Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivarbeit für den Landtag. Über 40.000 Recherchen für Abgeordnete werden pro Jahr abgewickelt. Nicht selten werden die Bibliothekarinnen aus den Plenarsitzungen heraus angerufen und müssen dann sofort auch komplexe Recherchen binnen Minuten erledigen. Während der Sitzungswochen herrscht Urlaubssperre, zudem übernehmen dann die Kolleginnen auch den Sitzungsdienst und verteilen z.B. Vorlagen an die Abgeordneten. Längst spielen neben den etwa 27.000 konventionellen Medien elektronische Ressourcen eine gewichtige Rolle: statt Loseblattsammlungen werden beispielsweise die Informationen elektronisch vorgehalten; ausserdem ist es Aufgabe der Bibliothek und Dokumentation, die Drucksachen des Parlamentes tagesaktuell im Internet nachzuweisen.

Nach diesem Eindruck vom Leben in einer Parlamentsbibliothek ist noch etwas Zeit für Kultur. Im Ernst-Barlach-Atelier in Güstrow werden die faszinierenden Gewandplastiken meisterlich erklärt. Soviel Kultur verlangt nach leiblicher Stärkung, und es ward Abend und es ward Nacht, dritter Tag.

Am Donnerstagmorgen lockt "die bunte Welt der Dokumentlieferdienste", wie Frau Hesse-Dornscheidt (Universitäts- und Landesbibliothek, Dortmund) ihren Einstiegsvortrag betitelt. Tatsächlich kann man fast alles bestellen, wenn man weiß, wie und wo man recherchieren kann - und bereit ist, dafür auch zu bezahlen. Subito, Jason-WWW, Webis oder Document Supply Centre via BLPC sind nur einige der Stichworte. Alle diese Dienste benötigen einen genauen Blick auf Leistungen und Kosten des Angebots, um mit den finanziellen Mitteln der Bibliothek oder der Kunden möglichst effizient umgehen zu können. Einen anderen Blickwinkel ermöglicht Herr Harms (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Göttingen) mit seinen Ausführungen zu den verschiedenen Verbünden in Deutschland. Ein Gebiet stark progressiver Entwicklung ist im Moment die Online-Fernleihe. Herr Harms nutzt seine intime Kenntnis der Fernleihsituation in den Verbünden, um die aktuellen Möglichkeiten in GBV, Hebis und BVB ausführlich vorzustellen. Bezeichnend ist z.B. die Entwicklung des Anteils konventioneller Bestellungen im Niedersächsischen ZK / GBV: Kamen noch 1993 etwa 70 % der Bestellungen in konventioneller Form, so ist diese Bestellart im Jahr 2000 auf nur noch 9,1 % zurückgegangen. Aktuell wird das Ziel der möglichst schnellen Einführung einer bundesweiten Online-Fernleihe verfolgt. Dabei soll kein Aufbau eines zentralen Bestell- und Verwaltungssystems erfolgen, sondern vorhandene regionale Strukturen genutzt werden. Erste Tests sollen noch 2001 zwischen GBV und HBZ laufen.

Am Nachmittag ergänzt Frau Hesse-Dornscheidt ihre Ausführungen des Vormittags durch praktische Übungen zur Behandlung von elektronischen Dokumentlieferungen. Genauer vorgestellt werden Subito und Jason. Zahlreiche Praxistipps erleichtern den Einstieg in die komplexe Thematik. Viele Nachfragen der Teilnehmenden zeigen deutlich die unterschiedlichen Bedürfnisse von z.B. Hochschulbibliotheken einerseits und Spezialbibliotheken andererseits. Frau Hesse-Dornscheidt hat für jede(n) passenden Rat parat. Die Reize der Hansestadt Rostock hatten sich längst allen erschlossen, dennoch ist die Stadtführung am Abend interessant und spannend.

Der letzte Tag der Fortbildung gehört ganz den Möglichkeiten der Internet-Recherche. Wann macht es Sinn, im Internet zu suchen? Frau Effelsberg stellt eine beeindruckende Auswahl an Suchmaschinen, Datenbanken, Wörterbüchern, Nachschlagewerken usw. vor und versäumt es auch nicht, auf Gefahren und Probleme der Internetrecherche hinzuweisen. Die letzten Arbeitsstunden gehören denn auch dem ausgiebigen Erforschen der vielfältigen Ressourcen. Ein Bild vom Grabmal Charlotte Brontes? Eine komplette Werkausgabe von Shakespeare im Netz? Und wo steht, dass auf Helgoland keine Autos erlaubt sind? All das kann der findige Rechercheur im Web ermitteln.

Und viel zu schnell ist diese Fortbildung an ihrem Ende angelangt, es bleibt nur der herzliche Dank an die Damen Ebeling, Lietz, Wittig und Schott (allesamt von der UB Rostock) für die überragende Gastfreundschaft, für Organisation, Kaffee und Gebäck, Bilderservice und sogar ein fast unikales Sommerkurs-Mousepad für jeden Teilnehmenden. Es heißt Abschied nehmen und jede(r) folgt gern der Aufforderung am Ortsende: Kiek mol wedder in!

(Jens Renner, FH Ansbach)



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