Berufsverband Information Bibliothek e.V.


Bericht über die BIB-Veranstaltung mit Meinhard Motzko und Martin Szlatki

Nachlese zur Fortbildung "Abschied von der Bibliothek für alle?" : Milieus, Lebensstile und der nicht enden wollende Abschied von der „Bibliothek für alle“

Mittwoch, 03. Dezember 2008

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts – und an dem befinden wir uns ja trotz es sich nähernden Endes der ersten Dekade immer noch – ist nicht nur Harry Potter auf der Suche nach dem „Stein des Weisen“, sondern sind dies auch zunehmend Öffentliche Bibliotheken. Dafür sorgt nicht nur der finanzielle Druck, dem Bibliotheken seit jeher (und in der derzeitigen Finanzkrise und den zunehmenden Sparhaushalten besonders) unterliegen, sondern auch die durchaus damit verbundene Notwendigkeit, sich in einer sich permanent ändernden Informations- und Wissensgesellschaft vor Kunden und Unterhaltsträger neu und überzeugend zu präsentieren. Der ‚Kunde von heute’, und dies ist sicher nicht neu für Sie, ist nicht mehr fassbar, er ist zu heterogen, zu wechselhaft und über die herkömmlichen Indikatoren wie Alter und Familienstand längst nicht mehr als Zielgruppe ausreichend zu definieren.

Meinhard Motzko ist es in der Fortbildung in Ludwigsburg ebenso überzeugend wie in seinem BUB-Beitrag im Januar 2008 gelungen, anhand der Sinus-Milieus überzeugende ‚neue’ Ansätze plastisch zu skizzieren und zumindest in Teilen eine andere Art von Zielgruppendefinitionen für Bibliotheken methodisch abzuleiten.

In Teilen deshalb, weil die Sinus-Milieustudien der Ist-Gesellschaft aber auch die Prognosen für 2030 zumeist einen gesamtdeutschen Ansatz verfolgen, und somit einerseits auf die lokale bzw. regionale Situation vor Ort herunter gebrochen werden müssen, anderseits die jeweilige Bibliothek nicht umhin kann, zu entscheiden, welche der Milieus sie bedienen will, kann und / oder muss:

Nur wenige ÖBs werden die Mittel dazu haben (noch wird ein überzeugendes und stimmiges Nebeneinander für die Kunden so einfach zu realisieren sein), einerseits ein konsummaterialistisches Milieu mit Angeboten (um es mal an Zeitschriften festzumachen) auf dem Niveau von BamS, Bild und Praline zu beglücken, andererseits das intellektuelle Milieu mit Spiegel, Zeit und SZ zu halten.

Das letztgenannte Milieu – und da hat Motzko recht – haben wir schon, die gefallen uns, weil wir ihnen ähnlich sind bzw. mit ihnen angenehm und auf einer Wellenlänge kommunizieren können. Nicht zu vergessen: aus diesem Milieu setzen sich größtenteils Stadtrat und weitere der Bibliothek wohl gesonnene Lobbygruppen wie Lesekreise oder Fördervereine maßgeblich zusammen.

Die andere Klientel ist dagegen weit schwerer zu erreichen, da bildungsfern, schwellenverängstigt, laut und durchaus intolerant, obwohl oft selbst Migrationshintergrund aufweisend.

Die Bibliothek muss sich – auch da ist Motzko zuzustimmen – entscheiden, für wen sie da sein will. Anderenfalls wird der Unterhaltsträger bestimmen oder schließen. Für eine OPL wird es ein „sowohl als auch“ der Zielgruppen nicht oder nur in Ausnahmefällen geben können. In größeren Kommunen, die über Bibliothekssysteme mit Filialen in milieuspezifisch betrachtet unterschiedlich zusammengesetzten Stadtteilen verfügen, lässt sich die „Bibliothek für alle“ zumindest über das Gesamtsystem weiterhin realisieren.

Eine Differenzierung, die im Seminar m.E. viel zu kurz gekommen ist.

Doch genug zu Motzko – vorerst. Der zweite Referent, Martin Szlatki schließt gerade an der PH Ludwigsburg sein Kulturmanagementstudium mit einer „Sozialstrukturanalyse basierend auf Lebensstilen“ ab.

Seine Masterarbeit setzt sich aus einer umfangreichen Kundenbefragung im Wilhelmspalais (Zentralbibliothek Stuttgart) zusammen. Über die gestellten Fragen (bzw. die gegebenen Antworten) wird der aktive Kundenstamm in mit den Sinus-Milieustufen vergleichbare Lebensstiltypologien aufgeschlüsselt. Sehr spannend, das Ergebnis wird sicher an anderer Stelle ausführlich publiziert werden (es ist zu hoffen!), aber – und damit ist die Kurve zu Motzko wieder genommen – es überrascht nur im Detail: SchülerInnen und Studierende aus (fast allen) Lebensstiltypen nutzen (von häufig bis punktuell) die Bibliothek, ansonsten ist ein Schwerpunkt bei den Aufstiegsorientierten (28,7%), den Liberal Gehobenen (19,8%), den Hedonisten (19,8%) [Vorsicht – hier schwimmen die Begriffe: die Hedonisten nach Otte entsprechen in etwa den Konsum-Materialisten der Sinus-Milieus!] sowie den Reflexiven (13,8%) festzustellen.

Was sagt uns das?

Wenig. Weil – leider auch im Seminar – eine Gegenüberstellung der Szlatkischen Ist-Analyse nach Otte (basierend auf einer konkreten Kundenanalyse) mit z.B. der gesamtgesellschaftlichen Sinus-Bestandsaufnahme, die Motzko vorgestellt hat, nicht vorgenommen wurde.

Gerade dies wäre wirklich hilfreich für Profilierungsversuche und Zielgruppenbestimmungen von Bibliotheken aller Größenordnungen! Des Weiteren – und das macht perspektivisch ausgelegte Projektionen zukünftiger Rollen Öffentlicher Bibliotheken schließlich aus – hätte die Chance bestanden, die so generierten Informationen wiederum mit den Daten der Prognose von Sinus-Sociovision für 2030 gegenüber zu stellen.

Dieser Transfer kann mit den Szlatkischen Daten zumindest für großstädtische Zentralbibliotheken geleistet werden, die Kundenstruktur Stuttgarts wird sich – aber das ist eine nicht zu belegende Behauptung - nicht gravierend von anderen Zentralbibliotheken nicht völlig verarmter Großstädte (hier schreibt ein Münchner!) unterscheiden.

Diesen Transfer zu leisten, in verschiedenen Arbeitsgruppen, nach Bibliothekstypen zusammengestellt, hätten den Nachmittag bereichert. Zieldefinitionen für Bibliotheksarbeit mit männlichen Kleinkindern haben dies nur bedingt geschafft (setzen Sinus-Studien doch i.d.R. erst ab 14jährigen an).

Trotzdem – als Fazit kann ein positives gezogen werden. Es war eine kurzweilige, interessante Veranstaltung, die es in Eigenverantwortung zu vertiefen gilt. Und ein neues Ziel (Meinhard Motzko erfüllt es selbst bravourös) habe ich auch mitgenommen: bei Seminaren und Klassenführungen die Zuhörenden regelmäßig (2 mal in dreißig Minuten – Ziele müssen ja messbar sein) zum Lachen zu bringen!

Tom Becker, München

Die Folienpräsentationen der Referenten sowie weitere Informationen erhalten Sie hier in der Übersicht der vergangen Veranstaltungen sowie über www.praxisinstitut.de

 

Weiterführende Literatur:

Kalka, Jochen ; Allgayer, Florian [Hrsg.]: Zielgruppen. Wie sie leben, was sie kaufen, woran sie glauben. -mi Fachverlag 2006, 253 S.

Sinus Sociovision: www.sinus-sociovosion.de

Motzko, Meinhard: Abschied von der „Bibliothek für alle“ In: BuB 60 (2008) 1, S. 50 ff.

Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Eine Studie zur theoretischen und methodischen Neuorientierung der Lebensstilforschung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 400 S.



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