Umgang mit rechten Werken

Restriktiver und offensiver Ansatz | Kontextualisierung

Ein Beitrag von Kirsten Grantz

Seit einigen Jahren wird in der bibliothekarischen Fachöffentlichkeit rege über den Umgang mit politisch rechten Werken sowie über die damit zusammenhängenden ethischen Normen und die Rolle Öffentlicher Bibliotheken in der demokratischen Gesellschaft diskutiert. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie Öffentliche Bibliotheken als demokratische Institutionen mit Büchern umgehen sollen, in denen grundlegende demokratische Werte und Menschenrechte infrage gestellt und gezielt falsche Informationen und Verschwörungstheorien verbreitet werden. Trägt man Argumente und Positionen aus dem aktuellen Diskurs zum Umgang mit rechten Sachbüchern aus der vorliegenden Fachliteratur zusammen, lassen sich zwei verschiedene Grundhaltungen und daraus resultierende Ansätze identifizieren: Der restriktive Ansatz und der offensive Ansatz, wobei letzterer durch die Methode der Kontextualisierung ergänzt wird.

Eine ‚gesprochene‘ Erläuterung dazu findet sich in GRANTZ, Kirstin: Sachbücher des politisch rechten Randes in Öffentlichen Bibliotheken. Handlungsempfehlungen zum Umgang mit umstrittenen Werken. Video zur #vBIB20 https://av.tib.eu/media/47074 (vgl. auch die Diskussion BECKER, Tom | GRANTZ, Kristin | MEINCK, Beate | FICHTNER, Annette | RÖSCH, Hermann | SEEGER, Frank: Literatur an den Rändern. Diskussion. Video zur #vBIB20. https://av.tib.eu/media/47563 dazu).

Beide Ansätze sowie die Kontextualisierung werden im Folgenden vorgestellt.

  • Offensiver Ansatz: Es werden grundsätzlich Bücher aus dem rechten Spektrum angeschafft; ein Exkludieren findet im Idealfall nur aufgrund rechtlicher Beschränkungen statt. Der Ansatz basiert auf rechtlichen, berufsethischen und fachlichen Standards, in deren Mittelpunkt die Meinungs- und Informationsfreiheit steht.
  • Restriktiver Ansatz: Es werden entweder alle oder zumindest einige rechte Sachbücher aufgrund von Kriterien wie Verlage und Autoren/Autorinnen oder Merkmalen wie Verfassungsfeindlichkeit, Diskriminierung oder Beleidigung von der Erwerbung ausgeschlossen.
  • Kontextualisierung rechter Sachbücher oder anderer Literatur an den Rändern meint das Bereitstellen von Publikationen und Stellungnahmen, die sich kritisch auf ebd. Literatur (einzelne Titel, Autor*innen, Verlage) beziehen und fragwürdige, verzerrende und falsche Aussagen einordnen, in Frage stellen oder gar widerlegen. Ziel ist es Nutzer anzuleiten, die Bücher kritisch zu hinterfragen und (v.a. rechtsextreme) Ideologeme zu dekonstruieren. Es kann zwischen drei Formen unterschieden werden:
    • Kontextualisierung über den Bestand: Ein rechtes Sachbuch sollte nie alleine einen Themenbereich abbilden. Ein ausgewogener, kontextualisierender Bestand bietet Bücher mit anderen Sichtweisen auf dieselbe Thematik sowie Bücher, die sich kritisch auf einzelne rechte Titel oder Autoren beziehen und welche, die sich kritisch mit rechten (Argumentations-)Strategien, Ideologien und Einstellungen auseinandersetzen.
    • Enge Kontextualisierung: Die einzelnen rechten Bücher werden mit kontextualisierenden Informationen versehen. Dies kann z. B. mithilfe von den Büchern beigefügten „Beipackzetteln“, Hinweisen auf die Umstrittenheit oder per QR-Code abrufbaren Links zu Rezensionen, Faktenchecks u. ä. oder online mithilfe einer Anreicherung der Katalogdaten mit den entsprechenden Informationen sowie mit passenden Schlagworten oder Kategorien umgesetzt werden.
    • Weite Kontextualisierung: Rechte Titel werden in Informationsveranstaltungen, die zur Diskussion anregen und Raum zum Austausch bieten, eingeordnet und demokratiefeindliche Argumentationsmuster, Verschwörungstheorien, falsche oder verzerrende Aussagen werden entlarvt. Neben Veranstaltungen, die sich exemplarisch mit konkreten Büchern oder Autoren auseinandersetzen umfasst eine weite Kontextualisierung auch Veranstaltungen mit den Schwerpunkten der Medienkompetenzförderung (z. B. zum Erkennen von Fake News), der Meinungsbildung und politischen Bildung zu historischen und aktuellen politischen und gesellschaftlich relevanten Themen sowie mit dem Ziel der (interkulturellen) Begegnungen.

Kontextualisierung und offensiver bzw. restriktiver Ansatz in Bestandsmanagement und Bestandspräsentation - wie sie u.a. von Grantz (s.u.) thematisiert werden -  beziehen sich weitestgehend auf rechte Literatur, können aber auf andere ‚Medien an den Rändern‘ übertragen werden.

Weiterführende Literatur:

  • BECKER, Tom | GRANTZ, Kristin | MEINCK, Beate | FICHTNER, Annette | RÖSCH, Hermann | SEEGER, Frank: Literatur an den Rändern. Diskussion. Video zur #vBIB20. https://av.tib.eu/media/47563
  • GRANTZ, Kirstin: Offensiv, differenziert, kontextualisiert – Wie Öffentliche Bibliotheken den Umgang mit Sachbüchern des politisch rechten Spektrums gestalten können. In: BuB - Forum Bibliothek und Information 72 (08-09) 2020, S. 478–480.
    https://b-u-b.de/wp-content/uploads/Heft8-20.pdf#page=39
  • GRANTZ, Kirstin: Sachbücher des politisch rechten Randes in Öffentlichen Bibliotheken – Handlungsempfehlungen zum Umgang mit umstrittenen Werken. Bachelorarbeit HAW 2020
    erscheint 2021 bei BITonline
  • GRANTZ, Kirstin: Sachbücher des politisch rechten Randes in Öffentlichen Bibliotheken. Handlungsempfehlungen zum Umgang mit umstrittenen Werken. Video zur #vBIB20 https://av.tib.eu/media/47074
  • GRANTZ, Kirstin: Umgang mit Sachbüchern aus dem politisch rechten Spektrum. In: Im FOKUS. prolibris 4, 2020, S. 166 - 169